Zeitkritisch ins Ohr – Chaosbay’s neue Single Amen

„Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist.“ 

-Michelangelo

English version: https://shieldmaidensvoice.com/2020/03/13/can-i-get-an-amen-chaosbays-new-single/

Wie recht doch Michelangelo hatte! In vielen Instanzen würde ich mir auch wünschen, dass sich die Metal-Szene dieses Zitats annähme. Gerade in einer politisch aufgeladenen Zeit, wie unserer, kann und darf die Musik nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. 

Zwischen Corona, dem Bürgerkrieg in Syrien und der nun wieder aufkeimenden Flüchtlingsproblematik (die ja eigentlich nie wirklich weg war) in Lesbos, kann und sollte ein Künstler nicht einfach belanglose Musik machen.

Umso angenehmer ist es, wenn man einen Song zu hören bekommt, der diesen Teufelskreis der Indifferenz in der Metalszene durchbricht.

Die Rede ist von der Single Amen der Prog-Metaller Chaosbay, die am heutigen Freitag erschienen ist und die zweite Auskopplung aus ihrem kommenden Album Asylum ist.

Chaosbay schaffen es, ein gesellschaftlich relevantes (und problematisches) Thema anzusprechen, ohne dass der Zuhörer den zwangsläufig Eindruck erhält, man wolle den moralischen Zeigefinger verurteilend auf ihn richten. 

Zentrale Frage der ausdrucksstarken Lyrics ist im Refrain die Existenz einer göttlichen Figur und wie diese, sofern diese denn existiere, das Leid in der vorherrschenden Form zulassen könne. 

In den ersten beiden Strophen wird zunächst die europäische Indifferenz und Verstumpfung im Angesicht humanitärer Probleme kritisiert. Die gleichen Probleme werden immer wieder und wieder diskutiert, ohne eine zufriedenstellende Lösung zu finden. In dem Kontext empfinde ich die Metapher „a new tyranny / out of outdated problems“ als sehr zutreffend für ein demokratisches System, dass eher zu kurzfristigen Notlösungen, als langfristigen Entscheidungen tendiert.

Textlich wird in Strophe drei und vier der Blickwinkel geändert: Es wird von einem Flüchtling gesprochen, der in seiner Suche nach einem sicheren Ort für seine Familie nur mit dem ihm entgegenschlagenden Hass konfrontiert wird, für den er jedoch nicht verantwortlich ist. 

Ich finde diesen Wechsel insofern gelungen, als dass man hier einen Kontrast zur westlich-dekadenten Sichtweise aus den ersten beiden Strophen schafft. Dies ermöglicht, meiner Ansicht nach, eine bessere Herausstellung des Problems als solchem.

Nach einer doppelten Wiederholung des Chorus folgt ein mächtig harter Part, der mit der Zeile „We stand tall against your racism“ eröffnet wird. Das Shouting unterstreicht hier in meinem Empfinden die Dringlichkeit des Textinhalts außerordentlich gut. Im Gesamteindruck finde ich auch den Zeitpunkt für einen härteren Part innerhalb des Songs sehr passend gewählt, weil es eine Art Kulmination des Songs darstellt.

Seinen Abschluss findet der Song inhaltlich in den letzten drei Strophen. Gerade die vorletzte ist wahrscheinlich mein Favorit in diesem Song: „Our economy’s healthy and works too well / as long as the weapons and drugs we sell / only fly one-way across the deep water“. Wenn das die aktuelle Weltlage nicht zusammen fasst, dann weiß ich auch nicht!

Hervorheben möchte ich auch noch die letzte Zeile. Durch den leichten Fade-Out hängt „How could this happen“ dem Zuhörer noch als eine Art offene Frage im Ohr nach, was sicherlich auch ein guter Übergang zum im Album folgenden Song sein dürfte.

Generell überzeugt die neue Single aber nicht nur ausdrucksstarke Lyrics. In typischer Chaosbay-Manier treffen hier virtuoses Schlagzeug und Gitarrenspiel auf starke Vocals und eingängige Melodien. Gerade der Chorus hat absoluten Ohrwurm-Charakter und nach der Live-Show im Januar hatte ich auch fast zwei Wochen danach den Song noch im Ohr. Auch wenn ich den zu dem Zeitpunkt noch nicht in die bisher erschienen Songs einordnen konnte, was absolut für Amen spricht. 

Auch das Video ist unheimlich gut produziert! Hatte man im Video zu Soldiers noch den Eindruck Sänger Jan Listing wäre das einzige Chaosbay-Mitglied, so sind jetzt alle Mitglieder (glücklicherweise) im Video zu sehen. 

Es wird durchgehend nur ein Ort gezeigt und an sich passiert im Video selbst nicht viel. Jedoch empfinde ich gerade das als passend. Durch die bewusst gesetzten Close-Ups und eher simplere Gestaltung des Videos, die trotzdem einer gewissen Dynamik nicht entbehrt, ist man gezwungen sich mehr auf den Song zu konzentrieren. Der Hauptfokus ist im Kontext dessen, was ich oben gesagt habe, auch absolut angemessen und richtig! Nichtsdestotrotz ist das Video nicht langweilig, sondern durch gekonnte Inszenierung absolut sehenswert!

Zusammenfassend muss ich sagen, dass es Chaosbay immer wieder schaffen mich zu überraschen und sich kontinuierlich zu entwickeln, ohne die Essenz dessen, was sie ausmacht, zu verlieren. Amen ist eine Single, die das Potential des kommenden Albums nur noch umso mehr verdeutlicht und auch etwas vorausnimmt. Ich für meinen Teil werde den Song wahrscheinlich noch ca. 800 mal heute hören, um dann morgen weiter genau so weiter zu machen!

Schaut auch unbedingt in das Video und die Lyrics rein:

AMEN by Chaosbay

another scandal in the news
how should I act all surprised about that
when there is nothing left to lose
we can only lose ourselves to this crap

a new tyranny
out of outdated problems
that won’t go away

if there is a god
how could this happen?
if there is a god
we don’t need a devil
this can’t be heaven, no

I saw him coming to this land
he was glad he found a place where he could sleep
without a pistol in his hand
like he used to do to protect his family

but all he can see
is furious hatred
but what has he done?

if there is a god
how could this happen?
if there is a god
we don’t need a devil

if there is a god
I’ve learnt my lesson
if there is a god
we are the weapon
this can’t be heaven
no!

we stand tall against your racism
against your anxiety bout this future
we learn from what you do wrong
we’re going to win
we’re not gonna fall this time

if there is a god
how could this happen?
if there is a god
we don’t need a devil

if there is a god
I’ve learnt my lesson
if there is a god
we are the weapon
this can’t be heaven
no!

in this cozy room it’s hard to tell
who once has started this carousel
and who is to blame for this mess at the borders

our economy’s healthy works too well
as long as the weapons and drugs we sell
only fly one-way across the deep water

If there is a god
and even if not
I can see the flood
if there is a god
how could this happen

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