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Das neue Jahr muss man ja gebührend einläuten, wie wir finden und wie könnte das besser gehen, als mit einer der misterwarteten Touren im Black Metal in diesem Jahr: Die ELLENDE-Tour zum aktuellen Album Zerfall machte in Dresden am 04.01.2026 in der Chemiefabrik Station und durch den Support von KARG und FIRTAN gab es keine Frage, dass wir dorthin mussten! Bei frostigen Temperaturen begaben wir uns dabei nicht nur auf eine Reise in eine andere Stadt, sondern waren durch die wundervolle Musik auch eingeladen auf eine Reise in unseren tiefsten Gefühlswelten…
Danke an dieser Stelle an lightinmirror.de für die wundervollen Bilder und an L.G., dass ihr uns diesen Abend geschenkt habt!

Firtan
FIRTAN sind eine Band, die schon lange in unserer Peripherie ist, aber irgendwie hatte sich bisher noch keine Gelegenheit ergeben, um sie live zu sehen. Das ist auch irgendwie frustrierend, wenn man weiß, dass die Musik etwas für einen ist, sich aber keine passende Gelegenheit bietet, um das mal live auszutesten! Insofern haben wir gewissermaßen einen Vorsatz für das Jahr 2026 damit erfüllt, dass wir sie nun endlich live gesehen haben.
Wie sollte es auch anders sein, war es einfach sehr gut! Ich glaube, ich trete keinem der beteiligten MusikerInnen zu nahe, wenn ich sage, dass auf dieser Tour alle das Zeug zum Headliner gehabt haben. So viel musikalische Qualität bekommt man nicht immer auf einer Tour zu sehen.
FIRTAN begeistern mit einem wirklich herausragendem Songwriting, das einen durch viele Gefühlsebenen trägt. Zwar bin ich (noch) nicht ganz dahinter gekommen, wie sich die Bühnenoutfits hier einreihen, aber diese Kontrastierungen zwischen den krassen Vocals und den sehr wehleidigen, aber sanften Violinentönen war einfach unfassbar gut! Gerade die Violine betont so gekonnt die Tragik in dieser Musik und lässt einen hoffen, dass die Momente einfach nicht enden. Es war eine wahrlich explosive Mischung auf der Bühne, die vor allem auch dadurch gekonnt inszeniert wurde, dass der Sound einfach perfekt war! Dabei war die Setlist auch von Anfang bis Ende wirklich passend gewählt: Von Hrenga, das sogar mit dem Feature von KARG Sänger J.J. vorgetragen wurde, über Arkanum bis hin zu Amor Fati sind sie uns absolut nichts schuldig geblieben!
Da kann ich nur sagen: Bis zum nächsten Mal! Denn das war sicherlich nicht das letzte Mal, dass wir diese Band live gesehen haben!

Karg
Black Metal hat ja den großen Vorteil, dass man sich zwar passend kostümieren und schminken kann, es einem die Fans aber auch nicht übel nehmen, wenn man seine Show ungeschmückt und gewissermaßen karg über die Bühne bringt. Ob der Bandname KARG damit wirklich etwas zu tun hat, wage ich an dieser Stelle mal arg zu bezweifeln, aber der Name ist hier im äußeren Erscheinungsbild schon Programm…
Das ist aber auch vollkommen in Ordnung, denn was KARG ausmacht, ist etwas ganz anderes: Es sind die kompromisslosen Songs, die die tiefen Gefühle auf eine direkte Art und Weise transportieren. Die Songs von KARG sind echt und unverblümt und auch wenn man ob des gesungenen Dialekts vielleicht nicht jedes Wort versteht, so kommen die Stimmungen doch umso realer bei einem an. Auch wenn es ein visuelles Kontrastprogramm zur Vorgängerband FIRTAN ist, vermögen KARG mich ebenso tief zu berühren. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, dass die Dinge, die auf den ersten Blick so unterschiedlich sind, sich doch ähnlicher sein können, als man zunächst angenommen hatte.
Musikalisch war es auch wirklich herausragend. Insbesondere der Umstand, dass FIRTAN Geigerin Klara sich zum zweiten Mal, wenn auch nicht zum letzten Mal, an diesem Abend für ihr Feature im Song Annapurna auf die Bühne kam, machte es nochmal umso ergreifender. Generell bin ich auch ein großer Fan des aktuellen KARG Albums Marodeur, was nochmal besser geworden ist als sein wirklich genialer Vorgänger Resignation. Insofern kann man hier als Fazit nur sagen: glatte 10/10!

Ellende
An dieser Stelle muss ich nochmal betonen, wie sich die Black Metal Szene eigentlich weiterentwickelt hat! Denn in unmittelbarer Nähe zur Chemiefabrik in Dresden befindet sich eine große Kirche und die hat nicht gebrannt!
Stattdessen loderte aber etwas anderes im Konzertraum, nämlich das Feuer, das ELLENDE mit ihrer Musik in uns entfachten. Wer das aktuelle Album Zerfall gehört hat, der weiß, dass es nochmal emotionaler und, ich will auch sagen, profunder ist, als alle Veröffentlichungen davor. Es gibt wenige Bands, für die wir längere Anfahrten ernsthaft in Betracht ziehen und letztlich auch unternehmen, aber ELLENDE haben wieder einmal gezeigt, warum sie zu dieser kleinen Gruppe gehören!
Als Opener gab es den gleichnamigen Song aus dem Album, Zerfall, der direkt in Mark und Bein traf. Hätte ich die Setlist mir ausdenken können, wäre dieser Song sicherlich dabei gewesen, ihn aber als erstes zu spielen, gab direkt die Richtung des Abends vor: Es ist eine neue ELLENDE-Ära, eine Zeit des Aufbruchs, die sich aber auch nicht scheut, sich mit vergangenem auseinanderzusetzen. Es ist vielmehr so, dass man Vergangenes als Teil von sich wahrnimmt und akzeptiert und nun beginnt, damit zu leben. Stellvertretend dafür stand, meines Erachtens nach, auch der Fakt, dass über die Hälfte des Sets aus Songs des neuen Albums bestand.

Auch hier war der Auftritt von Klara und ihrer Geige ein wirkliches Highlight, weil sie und ihr können den Song Zeitenwende Teil I nachhaltig bereichern. Musikalisch entführte man uns in eine Emotionswelt, die so ergreifend und echt, wie aber auch nahbar ist. Wie schon beim Konzert im Oktober 2024 vermitteln ELLENDE mir wieder ein Gefühl, das mir sagt, dass ich mit meinen Emotionen nicht alleine bin. Als Gesellschaft neigen wir viel dazu zu sagen, dass alles irgendwann schon wieder besser wird und dass manches schon nicht so schlimm sei. Was aber, wenn ich auch mal einen Moment in meinem Leid verharren muss? Wenn ich es spüren muss, um zu wissen, das die Trauer um das verloren gegangene wirklich keine Einbildung ist? Viel zu oft schieben wir solche Gefühle von uns, weil wir glauben, sie würden uns schwach machen. Tatsächlich sind diese Emotionen doch aber Ausdruck dessen, was wir hatten und dass es auch wirklich existiert hat! Man kann ELLENDE nur dankbar sein, dass sie sich genau dieser Themen widmen und uns einen Hort der Zugehörigkeit schenken, in den wir uns bei Bedarf zurückziehen können.
Leider ist es aber auch eine Eigenheit von Konzerten, dass sie leider auch wieder enden müssen. ELLENDE hatten sich Ballade auf den Tod für das Grande Finale aufgehoben und befriedeten damit sicherlich auch den einen oder anderen Fan, der sehnlichst auf diesen Song gewartet hatte. Für uns war unser Besuch in Dresden bei diesem Konzert all das, was wir uns für dieses Jahr wünschen: Gute Musik, tolle Menschen, wundervolle Gespräche und das Wissen, dass Musik verbindet. Danke dafür!


1 Kommentar zu „Zwischen Chemiefabrik, Kirche und ganz viel Gefühl – ELLENDE in Dresden“