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Black Metal ist, zumindest für mich, immer auch ein Stück Therapie. Das liegt zumeist auch dann, dass die Künstler hinter der bewegenden Musik auch eigene Momente in ihren Leben verarbeiten. Davon bilden ELLENDE keine Ausnahme, im Gegenteil: Mit dem Album Zerfall rücken Themen in den Vordergrund, die persönlicher sind denn je. Am Rande ihres Konzerts in Dresden hat uns Sänger und Bandleader L.G. ein paar Fragen zum Album beantwortet. Ausnahmsweise möchte ich einmal die Quintessenz des Ganzen vorweg nehmen: Haltet durch und macht weiter!
Danke an lightinmirror.de für die fotografischen Momente und an L.G., dass du uns wieder in deinem Kosmos willkommen geheißen hast!

Shieldmaiden’s Voice: Wie persönlich ist Kunst für dich?
L.G.: Super persönlich. Es ist einfach das, was man macht, wenn man nicht arbeitet. Also alles, was man so nach außen kehren kann, ist eine Kunst. Das, was man so im Alltag nicht ausleben kann.
SV: Wird dann Kunst dabei eher zu einer Bürde oder vielleicht auch zu einer Art Therapie?
L.G.: Nein, also als Bürde sehe ich es überhaupt nicht, weil sonst würde ich es nicht machen. Das ist, ganz im Gegenteil, eher etwas, was mir Energie gibt und wo man sich entfalten kann.
SV: Ihr habt erst kürzlich euer aktuelles Album veröffentlicht, was Zerfall heißt. Und ich finde, das Wort „Zerfall“ impliziert immer, dass irgendein haltender Faktor nicht mehr da ist, wodurch etwas dann auf eine gewisse Art und Weise zusammenbricht. Ist das dein Weg, um das zu verarbeiten, was passiert ist? Ich würde jetzt gar nicht so persönlich werden an dieser Stelle, aber die Implikation ist ja schon da und ist dann die Aufarbeitung durch Musik vielleicht so eine Art Stabilisator für dich?
L.G.: Genau, im Album geht es auch im Grunde um das, was nach dem Zerfall passiert. Der Zerfall ist ja mit dem Tod von meinem Bruder gekommen damals. Und das war dann quasi im Album auch die irgendwie Aufarbeitung dessen.
SV: Was hat dich beim Schreiben besonders angetrieben?
L.G.: Ich habe eigentlich immer Antrieb gehabt. Ich habe nur teilweise bei dem Album wirklich abbrechen müssen, weil es super intensiv war. Das habe ich vorher noch nicht erlebt, aber bei diesem Album war es so. Aber irgendwie war dann alles ziemlich schnell alles da. Und ich arbeite ja immer kontinuierlich an Musik, also habe ich total viel Material, das ich immer aufnehme und extrem viel, was ich dann nicht verwende. Bei Zerfall ist es relativ schnell gut gegangen, aus Gründen.
SV: Im Gegensatz zu anderen Alben hast du ja dieses Mal ein Musikvideo komplett alleine gestaltet. Wie bist du auf die Idee gekommen, das zu machen?
L.G.: Das wollte ich unbedingt einmal machen, das hatte ich eigentlich schon länger geplant. Diesmal hat es gut gepasst. Ich habe neun Monate daran gearbeitet, immer nach der Arbeit und am Wochenende. Und ich werde es wahrscheinlich nie wieder machen, weil es natürlich super viel Aufwand ist. Ich bin super froh, dass ich das gemacht habe und ich bin begeistert gewesen, dass es so gut geworden ist, weil es das erste Mal überhaupt für mich war zu animieren. Es war sehr viel Arbeit und es war lange nicht klar, ob ich zum Termin überhaupt fertig werde.
SV: Vor dem Hintergrund, dass du ja wirklich sehr persönliche Aspekte in dem Album verarbeitet hast, wie fühlt es sich denn dann an, dass es so eine herausragende Resonanz hat? Ich habe irgendwie auf Social Media geschaut und es ging nur um dieses Album. Alle haben darauf gewartet, alle haben die Singles diskutiert. Und ihr kriegt tolle Reviews. Was ist das für dich für ein Gefühl?
L.G.: Es ist super, ich habe es selber nicht erwartet. Aber ich habe schon irgendwie gewusst, dass das Album anders und irgendwie spezieller ist. Natürlich bin ich super zufrieden, wenn es auch aufgenommen wird. Ich hätte mir mehr Hate erwartet für diese Technopassagen. Das ist tatsächlich relativ gut aufgenommen worden. Ein paar haben sich über die Dialekte beschwert. Mit dem habe ich überhaupt nicht gerechnet, aber an und für sich war es wirklich super.

SV: Es gibt ja im Japanischen diese Handwerkstechnik, das Kintsugi, wo man so eine kaputte Vase nimmt und das mit einem anderen Stoff repariert, wo der Kern ja noch das gleiche bleibt, aber du schaffst ja eigentlich ein neues Werk. Würdest du sagen, Zerfall ist so ein bisschen vergleichbar damit?
L.G.: Auf jeden Fall! In irgendeinem Interview habe ich genau das als Beispiel geschrieben. Es geht darum, die Wunden sichtbar zu machen und dann trotzdem ein schönes Objekt zu haben. Einfach so die Wunden sichtbar machen und dann trotzdem ein schönes Objekt haben.
SV: Wenn du jetzt sagst, dass die Musik die Wunden auch sichtbar macht, ist es dann für dich schwerer mit genau dieser Musik auf die Bühne zu gehen?
L.G.: Nein, eigentlich passt es zu dem, wie ich mittlerweile bin. Am Anfang war es mir ein bisschen unangenehm, weil es natürlich auch schon ein ziemlich heftiger Einblick ist. Aber ich finde, genau dafür sind Musik und Kunst da. Mittlerweile bin ich super gechillt mit dem Ganzen.
SV: Das ist ja jetzt auch nicht das erste Album, was ihr veröffentlicht als Band. Hast du jetzt in diesem Release-Zyklus Unterschiede festgestellt für dich? Wenn ja, was waren sie?
L.G.: Eigentlich ist es für mich immer ziemlich gleich. Ich gehe ins Studio, wir sind super vorbereitet, es ist einfach effizientes Arbeiten. Ich probiere dann im Studio auch nicht viel aus. Ich komme mit sehr konkreten Vorstellungen hin. Man merkt halt schon, dass diese Vorlaufzeit rund um den Release immer mehr wird. Es gibt immer mehr Presse und Social Media und die Pläne, wann was released wird, wird immer aufwändiger. Da geht immer mehr Arbeit rein, vor allem auch in die Tour-Vorbereitung und diese Dinge. Je größer das wird, desto mehr Arbeit, aber das ist auch okay.
SV: Was würdest du sagen, hat sich so am meisten verändert zwischen dem ersten Album und dem jetzigen?
L.G.: Man wird halt immer versierter im Sound. Es ist halt irgendwie ein bisschen nerdig, muss man sagen. Wir haben halt alle unsere Dinge, die uns gefallen und das wird dann immer verbessert. Du weißt dann immer mehr, wie du zum Beispiel gute Atmosphäre aufbaust. So technische Versiertheiten kommen dann immer mehr dazu. Wenn ich ein gutes Bauchgefühl für ein Album gehabt habe, habe ich es veröffentlicht. Dieser Selektionsprozess steht halt immer dahinter. Ich stehe nach wie vor hinter den alten Alben und ich spiele sie auch sehr gerne live. Bis auf Ballade auf den Tod, das hängt mir mittlerweile schon fast ein bisschen raus. Deswegen haben wir es diesmal nur in der Zugabe drinnen.
SV: Ja, daran kann ich mich erinnern, da haben wir beim letzten Album auch ein bisschen drüber gesprochen, dass ihr den Song im Grunde nicht loswerdet.
L.G.: Genau. Ich würde das Publikum gerne in die Richtung treiben, dass es auch neue Sachen für ELLENDE gibt, die auch cool sind und dass wir das so machen.
SV: Ihr wollt das Publikum ein bisschen abgewöhnen.
L.G.: Genau. Der Song ist halt wirklich seit 12 oder13 Jahren immer in der Setlist.
SV:: Ihr spielt jetzt auch, auch größere Hallen, vieles ist ausverkauft, also heute Dresden ist ja fast ausverkauft oder wird ausverkauft, Erfurt ist ausverkauft, ihr hattet ein Upgrade in München. Hättest du damit im Vorfeld gerechnet? Weil es ja doch nochmal ein Schritt größer ist als das, was ihr davor gemacht habt.
L.G.: Ich meine, ich habe schon eingeschätzt, dass das Album gut wird und dass es mehr wird. Aber nicht, dass es so massiv mehr wird. Das habe ich nicht vorher gesehen.
SV: Ich meine, ihr habt ja auch ein wirklich krasses Tourpaket geschnürt, mit KARG und FIRTAN im Support. Wobei Support klingt ja immer so abwertend, finde ich, weil ihr seid ja einfach, alles drei sind wirklich besondere Bands. Darüber hinaus, gibt es irgendwas, wo du sagst, das macht diese Tour besonders?
L.G.: Eben, wie du das sagst: Ich habe mit beiden Bands wirklich ein gutes persönliches Verhältnis. Es sind alles enge Freunde von mir. Von daher ist das für mich das Traum-Package, weil es alles super unkompliziert ist. Es gibt nie Streit oder irgendeine Zickerei. Es ist alles sehr entspannt und unkompliziert. Da habe ich mich schon lange drauf gefreut.
SV: Was ist auf der Bühne der für dich intensivste Moment?
L.G.: Natürlich die ELLENDE Show. Ich habe jetzt immer Gastvocals gemacht bei den anderen. Das ist auch super intensiv. Aber es ist einfach nicht die eigene Musik. Es ist das auch ganze Set irgendwie. Vor allem die neuen Songs sind natürlich noch ein bisschen intensiver.
SV: Und wenn du vielleicht zum Abschluss deinem Vergangenheits-Ich eine Sache sagen könntest, welche wäre es?
L.G.: Ich würde sagen: „Du machst das alles gut. Mach weiter!“

