Traum oder Albtraum Europatour? Ein Tag Behind the Scenes mit OCEANS

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Vier Wochen lang durch Europa reisen, die eigene Musik tausenden Leuten präsentieren und dabei noch den Spaß des Lebens haben: So stellen sich viele das Tourleben dieser Tage vor. Doch ist das wirklich so? Oder kommt es nicht eher einer ekligen Variante der Low-Budget-Klassenfahrt in der 7. Klasse nahe, nur, dass man eben konstant auf Achse ist, alles noch viel mehr nach Axe Bodyspray riecht und ständig jemand krank ist? Diesen Fragen wollten wir mal auf den Grund gehen und zum Glück waren OCEANS so lebensmü… äh…lieb uns diesen Einblick zu gewähren!

Vielen Dank an lightinmirror.de für die Bilder und danke an OCEANS und explizit auch an Rocky für die Organisation, den Tag und eine generell wundervolle Zeit mit euch! 

Pic by lightinmirror.de (c) 2024

Seit Anfang Oktober lief die Modern Primitive Europa-Tour der griechischen Ausnahmeband SEPTICFLESH, auf der OCEANS als Support dabei waren. Die Show im Hellraiser war die nunmehr Vorletzte und dementsprechend war zwar alles routiniert und eingespielt, aber vier Wochen Tour gehen auch nicht ohne Spuren der Ermüdung an den Musikern vorbei. 

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Als wir gegen 16:00 an dem Tag in den Hellraiser kamen, war das schon spürbar. Meine ursprüngliche Idee war, dass wir zeitgleich mit der Band an der Venue ankommen könnten. Aber aufgrund des Umstandes, dass ja auch das ganze Equipment ausgeladen werden musste und alle dort ihre Routine haben, hätte unsere Anwesenheit nur gestört. So waren wir dann aber genau pünktlich zum Soundcheck da!

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Der Soundcheck ist an sich relativ unspektakulär. Alle bewegen sich in einer Zwiespalt zwischen der Antizipation der anstehenden Show und dem Abarbeiten der To-Do’s vor der besagten Show. Beim Soundcheck besteht die einzige und auch letzte Gelegenheit bestimmte kleine Macken im Sound auszubessern und an die Location anzupassen. Passt der Sound? Wie fühlt es sich auf der Bühne an? Kann man sich ausreichend selbst hören? Hört man auch die anderen? 

Wer jetzt auf die Idee kommt, man könne das ganze Set beim Soundcheck mal vorab „Probehören“, der irrt gewaltig! Soundcheck ist die Live-Variante von der Person, die sich konstant durch ihre Playlist tippt und keinen Song mehr als 30 Sekunden hört!

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Nach dem Soundcheck ging es dann für uns wieder Backstage und, oh Wunder, in dem Raum war es zur Abwechslung auch mal warm?!?!? Das hat man im Hellraiser ja doch selten bis gar nicht! Zwar haben wir die Zeit auch für ein paar coole Bandbilder genutzt, wie ihr eingangs sehen konntet, aber bis auf Rocky kannten wir ja niemanden in der Band und ein bisschen freundliches Beschnuppern muss ja auch sein! Neben Rocky an der Gitarre, waren Drummer Jakob, Sänger Timo und Bassist Thomas am Start. Neben der wirklich ehrlichen Freundlichkeit, die wir von den Jungs erfahren haben, hat mich vor allem gefreut, dass sie uns so offen begegnet sind. Es gab für uns gefühlt nichts, in das sie uns keinen Einblick gegeben hätten und dafür sind wir wirklich dankbar! Es ist absolut nicht selbstverständlich, dass man uns dieses Vertrauen entgegenbringt, zumal wir sie ja auch wirklich dort vor Ort erst kennengelernt haben!

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Apropos Vertrauen: Auf Initiative der Jungs haben wir uns dann noch das Innere des Tourbusses angeschaut. Auf so einer Tour ist ein solcher Bus das Zuhause für eine viel zu große Menge an Menschen auf viel zu kleinem Raum. Auf teilweise langen Fahrten quer durch Europa verbringt man dort viel Zeit mit Menschen, die man einerseits nicht (wirklich) kennt und andererseits auch irgendwie bewundert, weil sie geschafft haben, was man selbst noch mit der eigenen Musik erreichen will. Insofern ist ein Tourbus immer auch ein Mikrokosmos, in dem die Musiker untereinander klar kommen müssen. Aber wie uns vielfach von allen versichert wurde, haben sich alle gut miteinander verstanden! (Ehrlicherweise habe ich das nicht so richtig glauben wollen, aber Fahrer Andreas hat auch gesagt, dass es so war und wenn jemand weiß, was Harmonie ist, dann jemand, der regelmäßig KünstlerInnen quer durch die Weltgeschichte fährt!)

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Ein solcher Mikrokosmos ist aber auch nicht ohne Risiken. Selbst wenn sich nicht gestritten wird, lebt man doch auf engstem Raum mit verhältnismäßig vielen Menschen. Das Leben im Tourbus ist tatsächlich in etwa so, wie ein Aufenthalt im Kindergarten: irgendwer muss immer auf Klo, in den ungelegensten Momenten fehlt jemand und im Vergleich mit den dort herausgezüchteten Keimen steht jedes Labor für Biowaffen echt schlecht da! Insbesondere, was die Keime angeht, hatte es die Modern Primitive Tour wirklich in sich! Die genauen Details erspare ich euch hier, aber ein Zitat von Andreas fasst es doch herausragend zusammen: „Auf dieser Tour wurde zu wenig gesoffen und zu viel gekotzt!“

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Jetzt, wo wir wir schonmal etabliert haben, dass es den Jungs von OCEANS (und allen anderen auf der Tour) also gesundheitlich auch mal richtig schlecht ging, lasst uns das doch um eine Ebene erweitern: Habt ihr euch schonmal Gedanken darüber gemacht, wie man eigentlich in so einem Bus schläft? Wenn ihr jetzt „Im Bett“ gesagt habt, dann hat das zwar einen wahren Kern, ist aber nicht ganz korrekt. Es gibt im oberen Teil des Busses Schlafgelegenheiten, die sich gerade noch so als Kojen bezeichnen lassen. Nicht alle haben ein Fenster, aber das ist auch nicht so wichtig, denn die Fenster kann man eh nicht öffnen. Die Wahl der Koje ist wichtig, wie wir uns haben sagen lassen, aber jetzt stellt euch mal vor, ihr seid noch nie in diesem Bus gewesen. Woher soll man dann wissen, welches „Bett“ das am taktisch idealsten gelegene ist? Exakt! Gar nicht! Da kann es auch mal schnell sein, dass man die Koje kriegt, wo die LED-Leuchte gefühlt nur noch am seidenen Faden hängt und wo man das Schnarchen der anderen besonders gut hören kann.

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Wenn man dann mit wenig Schlaf die Venue erreicht, dann heißt es ankommen und Equipment ausladen. Mit viel Glück hat die Location sogar eine Waschmaschine, in der man mal seine Sachen waschen kann. Doch da stellt sich schon das nächste Problem: Auf Tour mit vier Bands plus Crew wollen logischerweise alle mal waschen. Wenn man also mit dem Entladen des Equipments zu tun hat, wie Schlagzeuger Jakob berichtete, dann ist man schnell am Ende der Waschschlange. Dann kann es auch gut sein, dass in den Venues der folgenden ein bis zwei Wochen keine Waschmaschine vorhanden ist. Und jetzt stellt euch mal vor, diese Waschmaschinen fressen noch eure Socken! Ich finde teilweise in meiner eigenen Waschmaschine meine eigenen Socken nicht mehr. Kaum auszudenken, wie dumm ich mir vorkäme, wenn ich davon ausgehen müsste, eine meiner Socken ist in einer Waschmaschine in Mailand, Toulouse, Bochum oder Zagreb verschollen!

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Zusätzlich zu diesen beschriebenen Herausforderungen muss man dann auch jeden Abend noch eine möglichst perfekte Show abliefern. Das Publikum sollte nach Möglichkeit nicht merken, dass man nur 3h geschlafen hat, dass man mittlerweile die Unterhose schon das dritte Mal trägt oder dass einem einfach komplett übel ist! Je näher die Showtime für OCEANS an dem Abend in Leipzig rückte, desto mehr konnte man die unruhige Vorfreude spüren, die alle zu durchfließen schien. Die Flure des Hellraisers, die sonst eher leer sind, haben sich dann zu einer Art geschäftigen Korridor verwandelt, in dem alle hin und her schwirrten, um die letzten Handgriffe vor der Stage Time zu erledigen. Wir haben uns dann natürlich schon vor der Bühne postiert und wie der Auftritt war, könnt ihr im Konzertbericht lesen!

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Als der Pflichtteil des Abends für OCEANS erledigt war, war endlich auch Raum, um sich ein bisschen zu entspannen. Für die einen bedeutete dies, sich die anderen Bands des Abends anzusehen, andere zogen sich ins Backstage zurück. Ich konnte mich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass das (gemeinsame) Duschen ein signifikanter Teil des After-Show-Rituals ist… Aber Wasser zu sparen, ist ja immer gut! Natürlich haben sich OCEANS auch die Zeit genommen, um mit ihren Fans in Kontakt zu treten und das obwohl im Hellraiser an diesem Abend wirklich hoher Andrang herrschte.

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Kein Konzertabend ist aber zu Ende, eh nicht gottlose Mengen an Pizza ihren Weg in den Backstagebereich finden. Vergesst einfach alle Bewertungen auf Google! Tourende Musiker können euch am besten sagen, wo es gute Pizza gibt! Aber auch hier war Multi Tasking gefragt, denn was im Club drin war, muss ja irgendwann auch wieder raus… Insbesondere Drummer Jakob hat hier viel zu tun: Das Schlagzeug wird mit festen, routinierten Handgriffen auseinandergenommen und in entsprechende Boxen verpackt. Beim Einladen später schallen dann noch Mambo Nr. 5 und andere Klassikerin die Leipziger Nacht hinaus. Jakob, wenn du das hier liest, bitte bitte schick mir deine Playlist! Die war der Hammer!

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Bei all dem, was ihr bis hier hin gelesen habt, drängt sich ja schon die Frage auf, warum man sich das antut! Warum zieht es einen unter nahezu unmenschlichen Bedingungen in einen Bus mit mehr als 20 Leuten, um darin quer durch Europa zu tingeln? Die Antwort ist sicherlich individuell von jedem Musiker abhängig. Was wir jedoch bei OCEANS haben beobachten und spüren konnten, ist eine Passion für die eigene Musik, die bestimmte persönliche Befindlichkeiten dann einfach nebensächlich werden lässt. Es ist ein Abenteuer und in einer Welt, in der viele Dinge voraussehbar sind, ist ein solches einfach enorm anziehend. Natürlich sieht man auch viele Orte, die man vielleicht so nicht gesehen hätte, aber der Antrieb sich diesen Situationen auszusetzen kommt aus meiner Sicht vorwiegend aus dem der Befreiung, die die Darbietung der eigenen Musik mit sich bringt. Man kann nicht nur zur einen kleinem Prozentteil Musiker sein. Entweder man ist es oder man ist es nicht. Wenn man es jedoch ist, dann wiegt die Freude über die Performancemöglichkeiten auf einer internationalen Bühne viele negative Aspekte auf. 

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Wir waren und sind enorm dankbar, dass wir diesen Tag mit den Jungs verbringen konnten! Ich habe selten so viel lachen und schmunzeln müssen, wie zu dieser Gelegenheit. Selbst für uns sind die Einblicke und Gedanken, die sie mit uns geteilt haben, etwas seltenes und besonderes. Wenn man mich jetzt aber fragen würde, ob ich mir so eine Tour auf Dauer antun würde, dann wäre meine Antwort ein klares „Um Gottes Willen, nein!!“. Mir ist es vor allem wichtig, einmal aufzuzeigen, wie viel Arbeit und Stress hinter den etwa 40min steht, die OCEANS an jedem Abend der Tour auf der Bühne präsentiert haben. Trotz Krankheit, Schlafmangel, dreckiger Klamotten, stellenweise schlechtem Essen und genereller Erschöpfung, haben OCEANS es geschafft, eine Show hinzulegen, die sich, zumindest in Leipzig, nicht hinter denen der größeren Bands des Abends verstecken musste. Dem kann man nur Respekt zollen!

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3 Kommentare zu „Traum oder Albtraum Europatour? Ein Tag Behind the Scenes mit OCEANS

  1. Avatar von Prinz Prospero

    Find ich toll, was ihr euch für Mühe macht, unbekanntere Bands ins schwarze Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Ich hab kaum Zeit, meine alten Bands zu hören, aber schau hier gerne immer mal wieder rein, weil hier einige Diamanten vorgestellt werden in einer sehr profimäßigen Form und Sprache. Respekt.

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    1. Avatar von shieldmaidensvoice

      Vielen lieben Dank für dein wundervolles Feedback, das uns wirklich freut! Wir geben immer alles, um die Musik, die uns bewegt, mit der Welt zu teilen und es ist toll, dass das auch ankommt ❤

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